Impostor Syndrome – du bist genug | Motivation

Das Impostor Syndrome wurde in den vergangenen Jahren zunehmend diskutiert, besonders im Kontext von Generation Y und Z – und vor allem in Hinsicht auf junge Frauen.

Was ist das Impostor Syndrome?

Das Impostor Syndrome, auf Deutsch Hochstapler-Syndrom, ist ein psychologisches Phänomen, bei dem Personen von ständigen Selbstzweifeln belastet sind. Und das bis zu dem Punkt, dass sie denken, all ihre Erfolge und Fortschritte seien nicht das Resultat ihrer Arbeit und Fähigkeiten, sondern reines Glück – und dass sie dementsprechend alle täuschen. Deswegen auch Hochstapler: Betroffene glauben, sie hätten Erfolg und Anerkennung in Wahrheit nicht verdient. Andere würden bloß ihre Unfähigkeit nicht erkennen.

Schwierig ist dabei auch, dass sich nahezu jeder irgendwann mal in irgendeiner Situation so gefühlt haben kann. Es ist nur menschlich – und für viele wahrscheinlich immer noch sympathischer als das krasse Gegenteil, sich für besser als andere zu halten. Bescheidenheit wird den meisten anerzogen. Aber wenn dieser Glaube zum ständigen Begleiter wird und jeden Aspekt des eigenen Lebens durchdringt – ja, was passiert dann?

Ständiger Stress durch das Impostor Syndrome

Erfolge können keine positiven Emotionen hervorrufen. Die Überzeugung sich doch beweisen zu müssen, dem positiven Bild anderer endlich gerecht werden zu können, führt zu ständigem Druck. Die dauerhafte Sorge als Hochstapler enttarnt zu werden. Sich unter Wert zu verkaufen und ausnutzen zu lassen. Sich abzukapseln, sich niemandem mit den Selbstzweifeln anzuvertrauen – all das lässt Betroffene ihre Selbstzweifel weiter internalisieren bis sie zur Grundeinstellung geworden sind. Und damit gerät man gefährlich leicht in einen Teufelskreis: Du siehst dich selbst im schlechtesten Licht, Lob und Zuspruch anderer fühlt sich unverdient an. Also arbeitest du mehr und härter, um Lob und Zuspruch „wirklich“ zu verdienen. Der Indikator für deinen Erfolg ist aber nicht deine innere Stimme, sondern der externe Zuspruch. Den du aber für illegitim und unverdient hältst.

Das Impostor Syndrome hat in den letzten Jahren an Aufmerksamkeit gewonnen, besonders im Kontext der Karriere jüngerer Generationen und Frauen. Untersucht wird das Phänomen aber schon länger. Erste Studien wiesen daraufhin, dass gerade Frauen häufiger betroffen sind. Wieder andere Studien lassen vermuten, dass es keine signifikanten Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt. Pauline Rose Clance, die die Erforschung des Phänomens begann, hat später nicht nur weitere Studien und Reviews ihrer Forschungsergebnisse angestoßen, sondern im Nachhinein auch festgestellt:

If I could do it all over again, I would call it the impostor experience, because it’s not a syndrome or a complex or a mental illness, it’s something almost everyone experiences.

Pauline Rose Clance in „Presence: Bringing Your Boldest Self to Your Biggest Challenges“ von Amy Cuddy

Nahezu jeder kennt dieses Gefühl. Aber man kann vermuten, dass insbesondere der sozialpolitische Hintergrund eine große Rolle spielt. Personen, die in ihrem Umfeld als Minderheit gelten oder sich auch selbst als solche wahrnehmen, sind anfälliger für diese Art der Wahrnehmung. Wer immer wieder gehört und erfahren hat, dass sie anders seien, nicht dazu gehören, sind sich bewusst, welche Stereotypen auf sie projiziert werden können – und werden nicht in diese Falle geraten wollen. Wer immer wieder in diese Gedankengänge gedrängt wird, ist einem höheren Risiko ausgesetzt, bestimmte Annahmen zu verinnerlichen. Wenn du als Schulkind immer wieder hörst, du seist einfach schlecht in Fach X, wirst du anfangen, das zu glauben – und Erfolge mit Zufall oder Glück begründen.

Warum dir fake it till you make it nicht weiterhilft

Was aber kann man denn genau tun, um dieses Gefühl und Gedankenmuster hinter sich zu lassen? Fake it till you make it ist für viele die nahe liegende Taktik. Aber gerade die ist tückisch und leitet Betroffene weiter in den oben beschriebenen Teufelskreis: Noch weiter gehen, noch härter arbeiten, um das Lob endlich zu „verdienen“ – dem Lob, dem man doch keinen Glauben schenkt. Der einzige Weg ist – wie üblich – der unbequemste: Auseinandersetzung.

Vor einiger Zeit habe ich die angepasste Version des Spruchs gelesen:

Face it till you make it.

Letztendlich ist und bleibt das der einzige Weg, um Probleme zu bewältigen. Überhaupt erkennen, dass es ein Problem gibt. Das Problem im weiteren Kontext und Detail analysieren und verstehen. Identifizieren, was Auslöser sind und Taktiken entwickeln, um dem entgegenzuwirken. Und das ist viel Arbeit – aber so lohnenswert.

Warum glaubst du, nicht genug zu sein?

In welcher Art und Weise glaubst ein Fake zu sein?

In welchen Situationen ist das Gefühl am stärksten?

Was sind die Fakten?

Ein Beispiel: Für mich fing es wie bei vielen anderen auch in der Schule an. Gute Noten waren für mich eine wichtige Bestätigung. Es kam auf die Note an, nicht auf die Qualität der erbrachten Leistung. Ich habe Jahre gebraucht, um selbst mit meinen Leistungen zufrieden zu sein, anzuerkennen, ob etwas gut ist und mich nicht nur auf externes Feedback zu verlassen. Und ergänzend Lob aber auch anzunehmen. Damit kämpfe ich noch immer, aber mir ist endlich klar: Herunterspielen bringt nichts. Denn hinter Fähigkeiten steckt harte Arbeit. Und die klein zu reden, macht es anderen nur schwerer: „Ich bin halt einfach nicht gut in XY, also lasse ich es gleich.“ Stattdessen möchte ich viel lieber zeigen, dass man natürlich Talente haben kann – aber man kann nahezu fast alles erlernen. Viel lieber finde und zeige ich Wege, wie man besser werden kann und es für andere zugänglich macht. Zweifel sind immer noch da – das ist normal – aber ich will sie nicht mehr bestimmen lassen, wie ich mit meinem Umfeld interagiere.

Ein Plädoyer für mehr Offenheit

Wir sollten die Scham, die mit vermeintlichem Versagen einhergeht, auflösen und sie als das erkennen, was sie wirklich ist: eine Chance. Eine Chance herauszufinden, was (nicht) funktioniert, was man besser machen kann und ob man es überhaupt besser können muss. Wie Clance letztendlich festgestellt hat: Das Impostor Syndrome ist nicht personenspezifisch, sondern eine universale, menschliche Erfahrung.

Nicht fake it till you make it, sondern face it till you make it. Im Leben werden wir alle noch genug Hindernissen begegnen – da sollten wir uns selbst kein weiteres sein.

Warum Podcasts so gut funktionieren – und was sich das Radio abgucken kann

Eine der gebetsmühlenartig wiederholten Binsenweisheiten während meines Studiums war immer wieder: „Das Radio ist scheintot. Gehört wird es vor allem vormittags auf dem Weg zur und während der Arbeit.“ Dazu wurde uns stets diese Grafik gezeigt, die in der Langzeitstudie Massenkommunikation von ARD und ZDF passenderweise zusammengefasst wird mit den Worten: „Radio ist der Tagesbegleiter und leistet bereits ab dem morgendlichen Aufstehen den Menschen Gesellschaft. Am meisten genutzt wird es zwischen 7.30 Uhr und 11.00 Uhr, in diesem Zeitabschnitt hören mindestens 25 Prozent der Bevölkerung Radio. Die Nutzung sinkt über den weiteren Tag kontinuierlich und fällt ab ca. 18.30 Uhr stark ab.“

Abbildung 4 aus der Langzeitstudie "Massenkommunikation" von ARD und ZDF mit dem Titel "Mediennutzung im Tagesverlauf 2015 bei der Gesamtbevölkerung". Die Grafik zeigt u.a. dass die Radionutzung am Vormittag am stärksten ist.

Aber nur, weil das Radio an einem Scheidepunkt der Relevanz steht, heißt das nicht, dass die ursprüngliche Rolle des Radios irrelevant ist. Musik-Streaming-Dienste waren die ersten, die dem Radio den Rang abgelaufen haben. Wichtig, wenn auch meist vergessen, ist aber auch der meinungsbildende, informierend-unterhaltende Aspekt des Radios. Themen-Sendungen, Interviews, Diskussionen – all das ist nicht plötzlich unwichtig geworden. Es hat nur eine neue Form angenommen: Podcasts.

Wie können Podcasts eine Inspiration für Radiosendungen sein? Und warum sind sie so ein starkes Format?

Eigentlich sollten Podcasts nach der aktuellen Content-Logik scheitern: Sie sind meist lang, nicht audiovisuell, sehr themenspezifisch und sind schwer zu finden, wenn man nicht explizit nach ihnen sucht. Aber sie laufen. Eben weil sie einen thematischen Deep Dive ermöglichen und extrem nischig sind.

Thematischer Fokus mit Podcasts

Durch ihre spitze Zielgruppenausrichtung erreichen sie wirklich nur die Leute, für die diese Inhalte auch relevant sind. Gleichzeitig ermöglicht der Fokus auf das Auditive den Fokus auf den Inhalt, das tatsächlich Gesagte. Kein ästhetischer Schnickschnack, keine ablenkenden Bilder, kein Bedarf, sich auch noch um die Bildgestaltung kümmern zu müssen. Der Dialog (oder Monolog) muss stimmen, muss inhaltlich Hand und Fuß haben.

So kann man die Story auch durchdacht aufbauen, statt das Nötigste in wenige Minuten quetschen zu müssen. Das ist schließlich ein elementares Problem für das Radio: Durch ständige Unterbrechungen und Zuhörer, die zu jeder Zeit ein- oder aussteigen, muss Gesagtes immer wieder wiederholt werden und kann nur eine begrenzte Tiefe erreichen. Wer sich aber für die Podcast-Folge interessiert, weiß, worauf sie sich einlässt und ist bei überzeugendem Inhalt bereit, die Zeit zu investieren. Es besteht kein Zwang, die Story unter erhöhtem Zeitdruck erzählen zu müssen.

Leicht und immer verfügbar – Podcasts machen es dem Zuhörer leicht

Die Entscheidung eine Podcast-Folge zu hören, findet bewusst statt. Das Gerät, um ihn zu hören, ist in aller Regel stets dabei: Zwei Drittel der Hörer nutzen das eigene Smartphone. Apps wie Spotify und iTunes laufen mittlerweile fast überall, zumal die Folgen meist auch heruntergeladen werden können. Egal, ob auf der Pendelstrecke, nebenbei im Haushalt oder ganz bewusst, ohne etwas anderes zu tun, Podcasts können quasi jederzeit ohne größeren Aufwand gehört und pausiert werden. Und da sie nicht audiovisuell funktionieren, sind sie noch leichter zu konsumieren als On-Demand-Videos, die auf Fernseher oder Laptop doch angenehmer zu sehen sind als auf dem Smartphone-Bildschirm.

Aber natürlich müssen Podcasts nicht ausschließlich gehört werden. Genauso gut lassen sie sich auch multimedial aufbereiten. Seien es Video-Varianten des Podcasts, so wie es The Mustards machen, oder die Einbindung in Blogartikel oder Transkripte – die Audioversion kann als Basis dienen, aber nach Wunsch und Bedarf weiter ausgebaut werden.

Kein Schnickschnack nötig: Podcasts konzentrieren sich auf das Wesentliche

Anders als Content, der mit einem Multimedia-Konzept erdacht und erstellt wird, müssen monomediale Inhalte die gewünschte Nachricht allein, direkt und zielgerichtet übertragen können – ohne sich auf weitere Methoden stützen zu können. Klingt abstrakt, ist aber simpel: Während Person X im Video per Bauchbinde mit Namen, Titel und Beruf vorgestellt werden kann, muss der Podcast diese Informationen kurz und knapp vermitteln ohne direkt zu langweilen. Diagramme können nicht gezeigt, sondern müssen zusammengefasst werden. Emotionen müssen hörbar gemacht werden, wenn man sie nicht sehen kann. Und und und…

Dieses grundlegende monomediale Gerüst auszubauen, ist leichter als etwas als Multimedia-Inhalt konzipiertes zu reduzieren.

Smallest viable market: Podcasts funktionieren durch den Fokus auf relevante Zielgruppen

Und zu guter Letzt: Podcasts sind leicht produziert und nicht für die Masse gedacht – und sind somit so viel lohnender. Radio und auch Fernsehen sind davon abhängig von einer gewissen Masse konsumiert zu werden. Wenn der ROI nicht positiv und signifikant ist, werden Projekte schnell eingedampft. Und das macht auch Sinn.

Podcasts wiederum lassen sich schnell und vergleichsweise preiswert produzieren und auf bereits etablierten Plattformen hosten. Gleichzeitig ist der Druck sehr viel geringer, eine Vielzahl an Menschen zu begeistern. Stattdessen kann der Content Creator sich auf die wirklich relevante Zielgruppe konzentrieren und auf den smallest viable marketing bauen. Und das sollte eigentlich für viel mehr Inhalte und Kanäle gelten. Statt allen gefallen zu wollen, sollte der Fokus darauf liegen, den Richtigen zu gefallen.

“It’s impossible to create work that both matters and pleases everyone.”

Seth Godin, This Is Marketing: You Can’t Be Seen Until You Learn to See

So kannst du auch um einiges effizienter agieren. Wem deine Inhalte richtig gefallen, der wird regelmäßig auftauchen und gegebenenfalls Geld dalassen. Das sind Konsumenten, die lohnen. Schließlich ist das Internet auch keine kommunikative Einbahnstraße.  Fans werden deine Inhalte teilen, weiterempfehlen, kommentieren und noch viel mehr. Die Wahrscheinlichkeit, dass wenigstens ein oder zwei Freunde deiner Fans deine Inhalte auch ganz toll finden… Nun, dass muss ich nicht erklären.

Wer deine Sachen aber mal so, mal so findet, wird kein zuverlässiger Konsument sind – und ist zu unzuverlässig, um sicher berücksichtigt zu werden. Geschweige denn dir Unterstützung zu bieten.

Da ist es in gewisser Weise wie im echten Leben: Du musst es nicht allen recht machen, sondern nur denen, die zählen. Alles andere ist reine Zeitverschwendung.

Fokussiert, leicht konsumierbar und ziel(gruppen)gerichtet – deshalb funktionieren Podcasts

Anders als Radiosendungen können Podcasts also nahezu immer und überall konsumiert werden ohne allzu viel relativen Produktionsauswand zu erfordern. Die größte Stärke ist aber wohl, dass Podcasts nahezu immer auf spitze Zielgruppen ausgerichtet sind. Während die großen Mainstream-Radiosender in ihren Inhalten austauschbar wirken (Charts, wie revolutionär!), zählen Podcasts auf Masse statt Klasse. Und das ist mit Sicherheit ein Trend, der die nächsten Jahre in jeder Hinsicht enorm prägen wird.

Du denkst, du weißt nicht genug über dein Lieblingsthema, um einen Podcasts zu produzieren? Dann schau dir doch mal diesen Beitrag an.

Weiterführende Links:

Ab wann bin ich Experte? Wie Begrifflichkeiten uns einschränken können

Ab wann darf man sich eigentlich Experte schimpfen?

In meinem mittlerweile nicht mehr ganz so neuen Job bin ich beispielsweise zu der Person geworden, die bei jeglichen Powerpoint-Fragen zu Rate gezogen wird. Dass ich dazu nie einen Kurs gemacht hatte und vorher ehrlicherweise bestenfalls okay mit der Office-Anwendung umgehen konnte, will ich einerseits nicht zu laut sagen – und andererseits jedem mitteilen.

Angst vor der Verantwortung

Denn vieles lässt sich durch Nachfragen, Nachahmen, Zeigen lassen und Üben erlernen. Und das sage ich nicht, weil ich Menschen ungern helfe – im Gegenteil. Ich möchte, dass Menschen ihre eigene Fähigkeit, ihr eigenes Potenzial verstehen und nutzen lernen. Zum einen ist es echt praktisch, zum anderen ist es ein verdammt gutes Gefühl. Sich hinter Begrifflichkeiten wie Experte, Profi oder Amateur zu verstecken, hemmt ungemein – vor allem in der heutigen und zukünftigen Arbeitswelt.

Viele, die ich kenne, scheuen sich davor klar auszusprechen, dass sie wissen, was sie tun und sich auskennen – mich selbst eingeschlossen. Denn damit erhöhen sich die Erwartungen anderer. Man muss liefern, sonst wird’s peinlich. Und deswegen lässt man es lieber gleich. Blöd nur, dass niemandem damit geholfen ist. Wenn jeder so denkt, findet sich niemand für die Aufgabe bzw. den Job. Blöd gelaufen.

Eine neue Lernkultur – fernab von Hierarchien

Statt uns im binären Denken an Begriffen wie Experte und Laie aufzuhängen, sollten wir es normalisieren, Dinge zu sagen wie „Ich mache das noch nicht so lange, aber ich kenne mich darin einigermaßen aus“ oder „Ich kann das recherchieren und etwas zusammenstellen. Den Feinschliff können wir dann gemeinsam machen“ ohne sich damit selbst ins Bein zu schießen. Unternehmen müssen verstehen, dass eine offene Kommunikation immer besser sein wird als ein Haufen von Lügnern, die sich als die eierlegende Wollmilchsau darstellen.

Denn wenn wir alle darauf warten, dass sich der Profi oder Experte der Sache annimmt, wird nie etwas geschehen – und man selbst wird wichtige Erfahrungschancen verpassen. Keiner ist als Alleskönner aus dem Mutterleib gekrochen, aus der Schule, Ausbildung oder Studium gekommen. Was uns gut in etwas macht, ist das tatsächliche Machen. Das Recherchieren, das Ausprobieren, das unzufrieden Sein und nochmal neu, beim nächsten Mal besser Machen.

Fail smart and mindfully

In der Startup-Kultur spricht man gern von „fail fast“, was nett klingt, die Sache aber zu simplistisch darstellt. Failure bzw. Scheitern allein bringt nur etwas, wenn man auch etwas dazugelernt hat und ein Projekt nicht wissentlich gegen die Wand gefahren hat. „Fail smart and mindfully“ fände ich persönlich besser – klingt halt nicht ganz so cool.

Aber wer bin ich schon, mich als Berufseinsteiger hier hinzustellen und von Expertentum zu sprechen? Nun, ich bin eine Person, die jede Gelegenheit zum Dazulernen nutzt, Dinge kritisch beobachtet und sich daran stört, dass Karrieretipps nur von „Experten“ stammen. Klar wissen die, wovon sie reden; klar sind das nützliche Erfahrungswerte. Aber manche Fragen, die man sich als Berufseinsteiger stellt, sind für die „alten Hasen“ längst kein Thema mehr – zum Beispiel, ob man sich denn nun Experte schimpfen darf oder nicht.

Man hört niemals auf zu lernen

Letztlich will ich Menschen einfach mit auf den Weg geben, dass man kein Experte sein muss, um zu wissen, was man tut.
Der Fingerschnips-Moment „So, jetzt bin ich Pro“ wird nicht kommen, man wird einer. Wer Experte ist und verlernt zu lernen, wird nicht allzu lange einer bleiben. Wer einen offenen Geist hat, bereit ist, jeden Tag zu lernen und nicht vor Herausforderungen davonrennt, ist nicht nur eine ziemlich coole Socke, sondern auch auf dem besten Weg ein Experte zu werden.

In dem Sinne: Hi, ich bin Sirona und bin zwar kein Karriere-Experte, aber lass uns doch drüber reden, wie das so ist mit der Arbeitswelt. Ich kann übrigens ganz interessante Dinge schreiben und hab ein gutes Gefühl dafür, was blöd und was gut aussieht. Freut mich, dich hier zu sehen.

Medienkonsum: Warum ich gerne die Spielverderberin bin

Um mit mir Filme oder Serien zu sehen, muss man Nerven haben – dessen bin ich mehr sehr bewusst. An meinem Verhalten (in diesem Kontext) werde ich in naher Zukunft dennoch nichts ändern – denn ich bin der festen Überzeugung, dass Medien kritisch betrachtet werden sollten. Und das gilt vor allem für Unterhaltungsmedien. Das bekommt der Freund derzeit wieder schwer zu spüren, denn wir schauen Penny Dreadful – er zum ersten Mal, ich zum zweiten Mal und habe deswegen natürlich umso mehr Vorwissen und Anlass zum Kommentieren. Was ich sehr oft tue. Ich liebe diese Serie über alles – gerade weil sie so unperfekt ist, ihre Probleme hat und sich so herrlich kontrovers diskutieren lässt. Aber warum kann man denn Unterhaltung nicht einfach als Unterhaltung genießen, vollkommen frei von Interpretationen und Ideologien? So gut gemeint der Wunsch nach Unterhaltung um der Unterhaltung Willen auch sein mag, ich halte ihn nicht nur für unerfüllbar, sondern auch für naiv.

Kinder durchleben im Laufe ihrer Entwicklung verschiedenste Phasen – Erwachsene genauso, wir neigen nur dazu das zu ignorieren. Manche Erwachsene bleiben sogar ganz Kind. Und Medien haben einen wahnsinnigen Einfluss auf diese Phasen, dazu muss man nur an Fastnacht, Halloween oder Eltern auf ihre Kinder im Elsa-Kostüm ansprechen. Man erinnere sich auch an den Trubel um Harry Potter in den 90ern und 00ern und wie die Fantasy-Reihe auch jetzt noch (m)eine Generation bewegt. Obwohl wir doch wissen, dass Kinder jeglichen Input um sich herum wie Schwämme aufsaugen – wenn auch glücklicherweise nicht immer ganz unkritisch – fehlt oft das Bewusstsein für die Inhalte, die wir ihnen vorsetzen. Und selbst wenn man sich dessen bewusst ist, fällt die Selektion schwer. Und das nicht ohne Grund, wenn es doch oft genug die Erwachsenen sind, die vollkommen unkritisch Medien konsumieren. Wenn Frauen 50 Shades of Grey als romantisch-erotisch wahrnehmen und es ihnen auch so verkauft wird, trotz der offensichtlichen Parallelen zu häuslicher Gewalt, Missbrauch und Manipulation, dann fragt man sich, in welchen Maßen der moderne Mensch wirklich emanzipiert und kritisch Medien konsumiert. Auch wenn wir alle Dinge hinterfragen können, muss das kritische Betrachten von Medien meist erst gelernt werden. Und mit kritischem Betrachten meine ich nicht die trump’sche Trotzreaktion, wenn etwas nicht gefällt, sondern Muster, subtile und nicht immer absichtliche Nachrichten zu erkennen. Die Werkzeuge dafür, werden im Laufe der Schulzeit meist angedeutet oder vielleicht sogar gegeben, aber vielen auch im gleichen Schritt schon madig gemacht. Wenn Schüler  – und Lehrer! – in der Interpretation von Texten nur eine langweilige Pflichtübung sehen und nicht das Erlernen eines tieferen Verständnisses, wie kann man dann Interesse daran entwickeln auch im eigenen Alltag später Medieninhalte zu verstehen?

Es wäre wahrscheinlich eine angenehme Abwechslung, wenn man einen Film oder eine Serie anschalten könnte, die man vollkommen unpolitisch betrachten könnte. Einfach nur unterhalten werden ohne sich Gedanken machen zu müssen – das wünsche ich mir selbst oft genug, denn auf Dauer kann es auch sehr anstrengend sein, in jedem Kontext das Positive und Negative zu sehen. Aber die Grenze zum mutwilligen Ignorieren und Schönreden ist schnell überschritten. So wie es angenehmer wäre, jedes Zurufen und Nachstarren auf den Straßen zu ignorieren, will man doch einfach Ruhe und kann solche Geschehnisse nur aktiv verdrängen. So lernt man auch in Filmen und Serien Gegebenheiten zu bemerken, die einem (unangenehm) auffallen – und es ist schwieriger im Nachhinein diese aktiv zu ignorieren, um Medien bloß zur Unterhaltung zu konsumieren. Es hat seinen Grund solche Gegebenheiten zu bemerken, denn es zwingt dazu sich mit ihnen auseinanderzusetzen, man entwickelt eigene Standpunkte und es macht einem zum mündigen Rezipienten. Wer sich kritisch mit Inhalten auseinandersetzt, wird zum aktiven Part statt zum passiven Rezipienten.

Und diese aktive Rolle lässt einen mitgestalten – nicht immer direkt, aber dennoch aktiv. Aber warum sollte ich Filme und Serien mitgestalten wollen? Ich will sie doch nur sehen? Wer kritisch Medien konsumiert, sein Feedback teilt und bewusst Inhalte wählt, die er sehen möchte, der vermittelt, welche Inhalte gut ankommen. Stark vereinfacht gesprochen: Wer Filme mit schlecht entwickelten Charakteren und langweiligen Handlungen kritisiert, anderen davon abrät, sich diese Filme anzusehen und sie selbst nicht rezipiert, vermittelt damit einen klaren Standpunkt. Schließen sich dem genug Menschen an, müssen Filmemacher reagieren und nachforschen, wo das Problem liegt. Auf Dauer werden sie gezwungen sein, Filme mit komplexeren Charakteren und interessanteren Handlungen zu machen. Schweigt aber jeder bei solch schlechten Filmen und schaut sie sich trotz der schlechten Qualität an, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass überhaupt irgendwer den Mund öffnet. Medieninhalte sind ein maßgeblicher Teil unserer Gesellschaft, sie sind eng verwoben mit der öffentlichen Meinungsbildung – selbst wenn es fiktive, unterhaltungsorientierte Inhalte sind – und unterliegen ständigem Wandel. 50 Shades of Grey mag erfolgreich sein und eine riesige Fangemeinschaft haben; aber da gibt es auch die Menschen, die die Bücher und Filme offen kritisieren, die Probleme zum Thema machen und andere Personen damit sensibler für diese Themen machen.

Auch Unterhaltung vermittelt Wert – und das oft mit so viel mehr Schlagkraft als erzieherische Versuche, eben weil Unterhaltung subtiler funktioniert. Sieht ein Kind umso mehr Filme und Serien, die Mädchen als passive Prinzessinnen zeigen, die auf Rettung angewiesen sind, und Jungen als starke Helden, die niemals Angst haben und Gefühle zeigen dürfen, wird diese Auffassung mit jedem Inhalt mehr verstärkt bis die Kinder sich gar nicht mehr bewusst sind, dass das ursprünglich gar nicht ihre eigene Idee war. Wir können uns diesen subtilen Nachrichten niemals ganz entziehen und Medieninhalte möchten diese Werte womöglich gar nicht bewusst vermitteln – diese Inhalte werden schließlich auch nur von Menschen gemacht, die selbst mit unterschwelligen Nachrichten konfrontiert werden. Aber sprechen wir darüber, wie wir etwas wahrnehmen, kritisieren es, diskutieren darüber und tauschen uns aus, dann profitieren wir alle von diesem Lernprozess.

Ein GIF von Gilmore Girls zu Filmen

Von der Kunst den Mund aufzumachen

Prägende Erlebnisse erkennt man häufig erst im Nachhinein als die einschneidenden Momente, die sie sind. Meine letzte größere Offenbarung dieser Art trat mit etwa fünf Jahren Verspätung ein. So viel zum Thema mein Dickkopf und ich.

Es war einer der alltäglichen Momente im Aufenthaltsraum der Oberstufe, eine der alltäglichen Diskussionen, die ich mit einem Mitschüler zu haben pflegte. Er war überzeugter konservativer CDU-Wähler, ich überzeugte keine-Ahnung-irgendwie-sind-alle-scheiße-Wählerin. Es war eine Beziehung, die ich, trotz der fundamentalen Unterschiede in nahezu allen unserer Überzeugungen, sehr schätzte – denn wir diskutierten wirklich, oft vehement, nie einig, aber jedes Mal erhellend. Sollte diese Person das heute lesen: Beste Grüße! Ich habe damals auch Überzeugungen vertreten, die mich heute nur verzweifelt den Kopf schütteln lassen – hoffe, dir geht’s auch so.

Anlass dieser einen spezifischen Diskussion war sein Statement, dass Frauen daheim an den Herd gehörten, sie sollten bei der Familie bleiben und höchstens Teilzeit arbeiten gehen. Meine Position kann man sich denken: Geht’s noch? So diskutierten wir, kassierten mit Sicherheit den ein oder anderen genervten Blick unserer Mitschüler – ich mag es mir auch eingebildet haben – bis wir abermals an den Punkt kamen, dass jeder seine Argumente verschossen hatte und keiner vom anderen überzeugt zurück blieb. Sein abschließendes Statement kam mir erst vor Kurzem wieder in den Kopf: „Du bist ja eh so eine.“ Auf meine Nachfrage hin, was für eine ich denn genau sei, bekam ich nur sein genervtes Kopfschütteln zurück. Bis heute frage ich mich: Was bin ich denn nun eigentlich für eine?

Im Studium war meine Antwort selbstbewusst, dass ich eine Feministin sei – heute fällt sie ähnlich aus, aber immer mit einem erklärenden Nebensatz. Dass der Begriff ein Image-Problem hat, ist bei weitem nichts Neues – die einen schreien wie vom ersten Tag an, dass der Feminismus mit Männerhass gleichzusetzen sei, während die anderen stolz ihr „Feminist“-Shirt für 10 Euro tragen (been there, done that). Deshalb ist es mir wichtig meinem Gegenüber zu erklären, warum ich mich so verstehe und wie ich den Feminismus auslege – denn der kann wie nahezu jede Bewegung unterschiedlichste Formen annehmen. Meine Sorge ist weniger die persönliche Ablehnung meines Gegenübers, auch wenn das durchaus ein Punkt sein kann, sondern dass eine weitere Person abblockt, ehe sie den tatsächlichen Kern der Sache verstanden hat. Veränderungen sind selten sanft und machen es nie jedem recht – gesellschaftliche erst recht nicht – aber ich sehe größeren Nutzen darin Vorurteile ab- und Verständnis aufzubauen. Ich vertrete meine Meinung klar und deutlich, möchte aber auch diskutieren.

Oder um es mit einer Passage aus Margarete Stokowskis „Unterum frei“ zu sagen:

„Eine Haltung zu haben bedeutet auch, dass man nicht „eigentlich“ für etwas ist, sondern wirklich. Dass man seine Werte im Konfliktfall verteidigt und nicht ausblendet. Das heißt nicht, dass man den ganzen Tag mit Leuten streiten muss, denn das hält keine Sau aus, und man stirbt dann an einem Magengeschwür, bevor die Revolution fertig ist. […] Wir hören dann entweder, dass wir uns unrealistisch viel vorgenommen haben und es ein solches Maß an Freiheit nie geben wird. […] Oder wir hören, es sei vielleicht ein bisschen übertrieben, für Gleichberechtigung zu kämpfen, im 21. Jahrhundert, in Europa, denn so schlimm ist es hier ja wohl nicht. […] Was ist das für ein Bild von Geschichte, in dem Ungerechtigkeiten von allein weggehen?“ (Seite 192f.)

Wir müssen reden, diskutieren, auch mal streiten. Kein Problem hat sich jemals durch Schweigen und Ignorieren gelöst. Allzu oft verwechselt man das heute mit „Das wird man doch noch sagen dürfen“, dem Arschlochsein unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit. Sag‘ deine Meinung, aber wenn du das nur tust, um anderen auf die Füße zu treten, während du jeden Hauch eines Gegenworts ablehnst – dann, mein Freund, darfst du das, aber du bist leider ein Arschloch.
Es ist witzig, dass eine Äußerung zur Meinungsfreiheit als Menschenrecht fälschlicherweise oftmals Voltaire zugesprochen wird, obwohl es doch von der Autorin seiner Biografie, Evelyn Beatrice Hall, stammt: „I disapprove of what you say, but I will defend to the death your right to say it.“

Niemand wird gerne beim Sprechen unterbrochen. Niemand hört sich gerne von anderen an, welche Fähigkeiten er oder sie nicht hat – erst recht nicht, wenn die sich äußernde Person keine Grundlage für diese Behauptung hat. Niemand wird gerne klein geredet. Niemand erlebt gerne Ungerechtigkeiten und nimmt sie still schweigend hin – also warum sollte ich das tun? Manchmal ist es schwer den Mund zu öffnen, manchmal versteht man erst später, woher dieses Unwohlsein stammt und bereut es, nicht sofort etwas erwidert zu haben. Wenn ich aber Leuten gegenüber stehe, die ich mag, mit denen ich zusammen arbeite oder sonst wie in Verbindung stehe, will ich nicht „so eine“ sein. Wir Menschen wollen gemocht werden, das liegt als soziales Wesen regelrecht in unserer Natur. Aber dem gegenüber steht der Drang, sich zu wehren – und das Wissen, dass es sich wahrscheinlich wiederholen und zum Muster werden wird, wenn man nicht jetzt handelt.

Möchte ich die Person sein, bei der man nicht entspannt reden kann? Möchte ich die Person sein, die man nicht bei seinen Projekten dabei haben will, weil sie nur aufmuckt? Möchte ich meine Karriere damit sabotieren, weil ich nicht stillschweigend hinnehme, was sich nicht richtig anfühlt?

Wie unwahrscheinlich es aber ist, dass man als Frau ohne Grund, vollkommen spontan und nicht durchdacht, eine Diskussion beginnt, das wird gerne vergessen. Zu artikulieren, dass man etwas unfair und unangebracht findet, kostet Kraft, Zeit und macht einen verletzlich. Schließlich äußere ich damit, dass es mich in irgendeiner Form betroffen macht. Oder um es mit einer Passage aus Natalie Portmans Rede auszudrücken: „Stop the rhetoric that a woman is crazy or difficult. If a man says to you that a woman is crazy or difficult, ask him: „What bad thing did you do to her?“ ( ab 12:04). Zu groß ist das Bedürfnis akzeptiert und gemocht zu werden, zu stark der anerzogene Drang sich anzupassen.

Dabei profitieren wir alle von solchen Diskussionen. Wer immer nur im selben Teich fischt, im eigenen Saft schmort, wird sich auch nie verändern, nie besser werden. Wir alle verfügen über eine unglaubliche Vielzahl an Erlebnissen, Erfahrungen und Wissen – wenn wir sie miteinander teilen, in einem Umfeld, das Diskussion nicht scheut, sondern pflegt – lernen wir dann nicht alle voneinander und wachsen gemeinsam?

Wenn ich meinem Gegenüber sage, dass ich sein Statement für unangebracht halte und meine Gründe erkläre, gebe ich dieser Person die Möglichkeit eine andere Erfahrungswelt zu verstehen und in Zukunft darauf zu achten. Wenn ich das Statement vielleicht falsch interpretiert habe und mir die andere Person ihre eigentlichen Gedanken dahinter verrät, kann auch ich von einer anderen Erfahrungswelt profitieren. Diskussionen, ehrliche Meinungsäußerung und -austausch kosten Zeit, Energie und manchmal Nerven. Aber wenn man respektvoll miteinander diskutiert, enden sie häufiger in einer Win-Win als in einer Lose-Lose-Situation oder einem Nullsummenspiel.

Und damit soll dieser Text ein Reminder sein – für andere wie für mich – dass niemand gewinnt, wenn man im Stillen beleidigte Leberwurst spielt. Wir müssen den Mund aufmachen, wenn wir reden wollen. Und nur wer redet und handelt, verändert.

Sirona Viola

Blicke deiner eigenen Schwäche ins Gesicht

Neulich fragte mich mein Freund: „Wie kommt es, dass du dich nach außen immer so tough gibst, wenn du dir innerlich alles so zu Herzen nimmst?“
Mein erster Gedanke war: Warum fragst du das nach all den Jahren, du kennst mich doch? Mein zweiter Gedanke war: Ich kenne die Antwort nicht mal selbst.

Den ersten Teil der Frage kann ich eher begründen als beantworten: Ich zeige Menschen, vor allem im professionellen Umfeld, nur ungern Verletzbarkeit. Denn hat man sie ein Mal durchblicken lassen, kann man diesen Eindruck nicht zurücknehmen. Wir alle wollen verständlicherweise steuern, wie andere uns wahrnehmen. Und gerade im Beruf rutscht man als junge Frau schnell in das Mädchen-Schema zurück, in die Verletzbarkeit wird Schwäche und Unreife gelesen. Wer Verantwortung übernehmen und Richtung zeigen soll, muss ein Fels in der Brandung sein und niemals wanken. So zumindest die theoretische Auffassung. Ein Gedanke, den sicherlich nicht nur Frauen im Laufe ihrer Karriere haben, sondern gerade auch Eltern und natürlich Männer. Wir alle hadern mal mehr, mal weniger mit unserem Image.

Denn wer will schon als schwach gelten? Als eine Person, die sich alles zu Herzen nimmt, und nicht belastbar ist? Und hier liegt der Widerspruch.

Wer sich auch nur am Rande mit Themen wie Führung im Job, agiles Management oder auch Erziehungsthemen auseinandersetzt, wird hören, dass gute Vorbilder und Verantwortungstragende Fehler und Unsicherheiten zugeben. Eine menschliche Seite zeigen, um auch andere dazu zu bewegen, sich zu offenbaren. Vertrauen ist die Basis jeder guten Zusammenarbeit und es kann nur existieren, wenn man offen und ehrlich miteinander ist. Wer immer sicher und stark ist, wirkt bestenfalls unnahbar, schlimmstenfalls arrogant und realitätsfern.

Sich einer Sache mal nicht sicher zu sein, ist nicht schlimm – durch Diskussionen und gemeinsames Abwägen lassen sich Lösungen besser finden als wenn man alleine vor sich hin grübelt. Sich Dinge zu Herzen zu nehmen ist nicht schlimm – das zeigt, dass sie einem wichtig sind. Zu demonstrieren, dass man verletzlich und trotzdem fähig sein kann, zeigt, dass Verletzbarkeit kein Makel, sondern menschlich ist. Und dass man damit umgehen kann.

Ich werde mir manche Dinge immer noch mehr zu Herzen nehmen als es sein muss. Aber ich will anerkennen, dass mich das nicht schlechter oder weniger verletzbar macht. Denn dieses Fühlen und Nachdenken hat mich im Endeffekt immer besser gemacht: Ich setze mich intensiv mit etwas auseinander, verstehe Situationen dadurch besser und finde Lösungen. Und wenn’s nur die Erkenntnis ist, dass es die Aufregung nicht wert ist.

Daher mein Appell an dich: Verdränge nicht deine vermeintliche Schwäche, sehe sie klar und deutlich – und mache sie zu deiner Stärke. Denn was uns stark macht, ist menschlich zu sein.

Und was macht man dann damit?

Warum mein Studium mir nichts gebracht hat. Und trotzdem der Grundstein für alles war.

Ich finde, dass man den Geisteswissenschaften gegenüber ein bisschen fairer sein sollte. Meine Fächer British Studies und Publizistik sind nun nicht die schneeflockigsten Orchideenfächer, die es in der großen weiten Hochschulwelt gibt, etwas „Brauchbares“ waren sie in der öffentlichen Wahrnehmung aber nicht. Trotzdem würde ich heute, ein knappes Jahr nach meinem Bachelorabschluss, immer wieder den gleichen Weg wählen, ohne auch nur eine Sekunde dran zu zweifeln.

Die Geisteswissenschaften genießen einen eher fragwürdigen Ruf, zum einen, weil sie nicht auf zu einem bestimmten Beruf hinführen und zum anderen, weil sie ein extrem weiblicher Fachbereich sind. Ob nun ersteres oder letzteres die Hauptursache für die eher negative Beurteilung des Fachbereichs ist, hat ein bisschen was vom Henne-Ei-Problem (no pun intended). Unabhängig von der nicht so leicht zu findenden Lösung des Problems sehe ich die kollektive Verurteilung der Geistes- und Sozialwissenschaften kritisch. Darüber habe ich schon oft debattiert und ich werde es immer wieder tun.

Jedes Fach hat sein eigenes Klischee. Und wie Klischees nun mal sind, handelt es sich dabei um überspitzte Darstellung von Stereotypen: Der von Haus aus verzogene und realitätsferne BWL-Justus, der frauenscheue IT-Nerd, die Social Justice Warrior Feministin. Wir alle kennen sie, wir kennen fast alle mindestens eine Person, die als regelrechte Vorlage für diese Stereotype gedient hat, und wir alle scherzen darüber. Ist okay, vor allem Selbstironie ist bisweilen mal gesund.

Aber diese Klischees bringen auch Risiken mit sich. Männer trauen sich nicht soziale, typisch-weibliche Fächer zu studieren; Frauen trauen sich nicht in typisch-männliche Fachbereiche. Stark vereinfacht, aber das Problem ist nicht von der Hand zu weisen. Damit einher geht die Hypothese, dass Frauen selbst an der Gender Pay Gap schuld sind – schließlich haben sie sich ja für ein derart unnützes Fach entschieden. Oder dass nur Kinder aus wohlhabenden Haushalten solche Fächer wählen, um ein ausgelassenes Studentenleben als Verlängerung ihrer Jugend zu führen. Ein Krümel Wahrheit lässt sich darin sicherlich finden – aber das ist bei weitem nicht das gesamte Bild.

Ein BWL Studium wird dich auch nicht mehr für die Zukunft vorbereiten, wenn du nie in deinem Leben einen Finger gekrümmt hast. Gute Noten in Jura (falls es sowas wirklich gibt) nützen auch genauso wenig, wenn keiner der zukünftigen Rechtswissenschaftler auch nur einen Hauch von Ahnung vom echten Leben hat. Kein Fach, das noch so deutlich den Weg zu einem „handfesten“ Beruf vorgibt, kann gelebte Erfahrung ersetzen.

Im Grunde haben die Geisteswissenschaften den Vorteil, dass sie dir nicht vorgaukeln, dass die Erfolg im Beruf einfach zu fallen wird. Entweder ziehst du dich in eine heile Scheinwelt der Verdrängung zurück und schiebst deinen Abschluss ins Unendliche oder du akzeptierst die unbequeme Wahrheit, dass du dich selbst dahinter klemmen musst, wenn du nach dem Abschluss dein Brot verdienen oder sogar, oh Schreck, Karriere machen willst. Das heißt: Such‘ dir einen Nebenjob. Dass man dem Rest der Welt immer wieder aufs Neue beweisen muss, dass man trotz dieses unsäglichen Studiums tatsächlich brauchbar ist und Fähigkeiten mitbringt, ist anstrengend. Aber man erlernt eine Ausdauer und Verbissenheit damit, die in jeder Branche hilfreich ist.

Ich habe in meinem Studium nicht gelernt, wie ich eine Steuererklärung mache oder wie man den perfekten Sales Pitch vorlegt. Aber ich habe gelernt, jedes mir bekannte Konzept zu übertragen, (Leute tot) zu debattieren, zu recherchieren. Und die womöglich wichtigste Kompetenz, die ich mir angeeignet habe: Ich kann alles herausfinden. Der eigenen Weiterbildung sind keine Grenzen gesetzt, wenn man weiß, wie man effizient eine Suchmaschine benutzt. Weiß ich nicht, gibt’s nicht.

Mein geisteswissenschaftliches Studium hat mich an mir selbst wachsen lassen und mir vor allem eines beigebracht: Es schenkt mir nichts. Wenn ich etwas erreichen und meistern will, muss ich bereit sein outside the box zu denken und mich an Dingen festbeißen. Und genau deshalb werde ich nie müde, meinen Ratschlag an andere Geisteswissenschaftler gebetsmühlenartig zu wiederholen: Such‘ dir einen Job. Wer nebenbei arbeitet, wird sich anstrengen müssen, nicht den Bezug zur Realität zu verlieren. Und das verdient auch schon fast wieder Respekt.

Du bist nicht originell

Die Wahrscheinlichkeit, dass du eine nie da gewesene, komplett von allem bisher gewesenen abhängige Idee hast, ist extrem gering. Das Rad kann man nun mal nur so oft neu erfinden. Du bist auch nur so besonders wie die nächstbeste Person.

Und weißt du was? Das ist nicht schlimm. Du bist nicht spezieller als andere – aber auch nicht schlechter.

Die vergangenen Monate hat sich bei mir immer wieder der Gedanke eingeschlichen, dass man, um zufrieden und erfolgreich zu sein, in gewisser Weise ein bisschen dumm sein muss. Nicht gemessen am IQ oder an der Hochschulbildung, sondern in dem Sinne, dass man die Realität stark verzerrt sieht und sich selbst gnadenlos überschätzt. Das ist nicht mein menschenfreundlichster Gedanke gewesen, aber definitiv menschlich – denn in erster Linie wuchs er aus meinem Neid heraus, dass andere einfach selbstüberzeugt Dinge angehen: „Dieses Konzept/diese Idee/dieses Produkt ist so offensichtlich lückenhaft/langweilig/unoriginell/zig Mal da gewesen, wie kann diese Person so fest überzeugt von ihrem Projekt sein und nicht peinlich berührt sein?“
Ich habe auch Ideen und Projekte, die ich vorantreiben will, aber ich weiß, dass sie nicht perfekt sind und arbeite dran, das zu verbessern – also bin ich doch offensichtlich besser. Oder?

Mal abgesehen davon, dass das ein ziemlich selbstzentrierter Gedankengang ist, steckt gerade in dieser Denke das Problem. Originalität wird oft so verstanden, dass man eine Idee aus dem Nichts heraus in die Welt bringt und es nichts Vergleichbares gibt. So einfach ist es aber nun mal nicht – sonst gäbe es heute auch nicht das geliebte Facebook, Twitter, Instagram und Co. Nach AOL, Foren und MySpace wäre da nicht mehr allzu viel herum gekommen. Trotzdem würden wir nicht sagen, dass Facebook, Twitter und Instagram sich allzu sehr ähneln. Sie konkurrieren miteinander, bauen gleiche ähnliche Features ein (*hust*Stories*hust*), aber der Drang sich voneinander abzusetzen und besser zu sein, fördert die Entwicklung im guten wie im schlechten Sinne. Und das lässt sich in vielerlei Hinsicht auch auf andere Bereiche übertragen. Des Pudels Kern und mein Problem war (und ist) letztlich, dass ich mich so im Versuch „originell“ zu sein und in der Perfektion verbissen habe, dass ich mich selbst damit gelähmt habe. Obsessiv über Dingen zu verharren, bringt einen nicht voran – Lösungen für Probleme suchen und umsetzen schon. Und dieses „einfach tun“, sich damit in die Öffentlichkeit zu bringen und verletzlich für Kritik zu machen, erfordert immer wieder Selbstbewusstsein – was so manche nicht ganz extrem selbst-reflektierte Person vielleicht besser kann als (selbst-)kritische Personen, die sich in Analyse nach Analyse verrennen.

Mit diesem Text sollen offensichtliche Nachahmungen und Kopien absolut nicht ermutigt werden, sondern klar machen, dass man niemandem – am wenigsten sich selbst – hilft, wenn man sich im ständigen Vergleich mit anderen selbst Steine in den Weg legt. Denn die Kunst liegt darin sich Orientierungswerte zu suchen und verfügbares Wissen als Grundlage zu nutzen – die jeweiligen Probleme, denen man im Laufe der Umsetzung begegnet, und die verfügbaren Lösungsansätze allein werden das Projekt in eine einzigartige Richtung zu lenken. Denn Originalität bedeutet Echtheit und Eigenständigkeit, nicht „nie da gewesen“. Erst durch konkrete Überlegungen und Handlungen wachsen Projekte und Menschen.

Oder um es mal ganz unoriginell mit den Worten von Nike zu sagen: Just do it.

Ein Foto aus der Froschperspektive: Das Blickfeld liegt auf dem graubeigen Asphaltuntergrund, im Hintergrund sind blaue Gewässer zu sein. Im Fokus stehen die grauen Schuhe der Marke Nike, die eine hochspringende Person.trägt
Hat Nike mit „Just do it“ den generischsten und gleichzeitig absolut brauchbarsten Slogan überhaupt gefunden? Höchstwahrscheinlich.

Warum die Öffis ein Update verdienen

Wenn über die Zukunft des Verkehrs und des Fahrens gesprochen wird, hören wir die meiste Zeit von selbstfahrenden Autos. Coole Sache, wichtige Entwicklung: Senioren könnten länger mobil bleiben, der Führerschein ist kein Luxusgut (der Kram ist teuer, verdammt!) und die Sicherheit auf den Straßen wäre wesentlich größer – um nur einige der Vorteile zu nennen.

Aber was ist eigentlich aus dem Allgemeinwissen geworden, dass die Fahrt mit Zug und Bus immer noch besser für die Umwelt ist als die Fahrt mit dem eigenen Auto? Natürlich können selbstfahrende Autos auch den Spritverbrauch optimieren, aber mein Punkt soll nicht sein, dass selbstfahrende Autos nicht toll seien, sondern dass wir über den Hype nicht die Zukunft der öffentlichen Verkehrsmittel vergessen sollten.

Ein Bild einer Berline Straßenbahnstation. Das Gebäude sieht industriell aus und der Himmel strahlt blau über der Station.
Was bringt’s, wenn alle die BVG lieben, aber die öffentlichen Verkehrsmittel vor der eigenen Haustür nichts ändern?

Ich habe nie ein eigenes Auto besessen – zum einen aus Sparsamkeit, denn Sprit und Instandhaltung können einem die Haare vom Kopf fressen, zum anderen aus dem Wissen heraus, dass ich es nicht wirklich brauche. Heute könnte ich mir eins leisten, aber wozu? Mein Lebensmittelpunkt liegt im Rhein-Main-Gebiet, in dem nahezu jede größere Stadt sich innerhalb eines Ein-Stunden-Radius‘ befindet und wo die Infrastruktur der Öffis bestens ist. Natürlich gibt es immer wieder das ein oder andere Ärgernis, aber das gibt es genauso auf den Straßen. Ich setze mich in Bahn oder Bus und muss nur aufpassen, dass ich nicht meinen Halt verpasse – ansonsten kann ich mich ausruhen, lesen oder meinen liebsten Podcast hören.

Andere Fahrgäste können nerven, ohne Frage – Mitfahrer auf der Straße aber ebenso. Im Grunde liebe ich diesen wilden Mischmasch an Menschen aber auch so an den Öffis. Morgens sitze ich zwischen Menschen mit Fahne, Arbeitern in schweren Stiefeln oder der wichtigen Geschäftsperson, die sich mal wieder über den fehlenden Empfang im Tunnel ärgert – letztlich sind wir alle gleich. Jeder ist genervt vom nächsten und trotzdem ist man sich herzlich egal. Eine Zugfahrt die ist lustig ist zwar nicht das Wundermittel, damit überall Toleranz und Integration vorherrscht, aber sie lehrt einem definitiv jede Menge Geduld und eben doch einen Hauch Toleranz. Und mein Immunsystem dankt’s mir auch.

Das bisherige System funktioniert gut. Aber wo bleibt die Modernisierung der öffentlichen Verkehrsmittel? Auf dem Land – zumindest da, wo ich herkomme – muss man vor jeder Fahrt brav vorne beim Fahrer einsteigen und seine Karte vorzeigen. Wenn da jemand mal zu langsam ist oder mittags alle Kinder aus der Schule kommen, herrscht reinstes Chaos und Aggression. Auf Langstrecken und in der Stadt sind Handy-Tickets glücklicherweise die Norm, aber kaputte Automaten leider ebenso – und die ständige Kontrolle der Tickets verschlingt Zeit und Ressourcen. Zwar führt die Deutsche Bahn langsam den Comfort Check-in als Beta-Version ein, eine Ideallösung ist das aber noch nicht.

Was ist also mit der Modernisierung von den öffentlichen Verkehrsmitteln und Langstreckenverbindungen? Besonders eine verbesserte Infrastruktur auf dem Land und zur Stadt hin könnte enorm helfen, die Landflucht einzudämmen und damit weiteren Bevölkerungsgruppen mehr Bildungs- und Jobchancen bieten, die Mietpreise ein wenig drücken und die Automassen auf den Straßen verringern.

Modernisierte Autos, besonders selbstfahrende Fahrzeuge, werden eine große Rolle in der Zukunft spielen und definitiv positive Effekte haben – aber bei all dem Hype sollten die Öffis nicht allzu stiefmütterlich behandelt werden.

Drama, baby: Für ein bisschen mehr Ruhe im Alltag

Ich bin ein großer Fan von „Einfach mal den Mund halten, wenn einem eh nichts Gutes einfällt“. Sollten mehr Leute machen.

Wir alle ärgern uns regelmäßig im Alltag. Ich ärgere mich über Radfahrer, die auf engen Wegen mit einem Affentempo und teils quietschenden Reifen an mir und dem Hund vorbeirasen statt uns mit einem kurzen Klingeln zu warnen und für die 15 Sekunden einfach langsamer zu machen (Nebenbei: Wenn ihr zu den Personen gehört, die warnen, langsam machen und sich dann sogar dafür bedanken, dass wir zur Seite gehen – ihr macht meinen Tag immer ein bisschen schöner). Andere ärgern sich über Staus, verspätete Züge oder die langen Wartezeiten beim Arzt. Gründe gibt’s viele. Und viele geben ihrem Ärger Ausdruck. Lautstark. Energisch. Oft aggressiv.

Auf zwei weißen Kommoden steht ein weißer Drahtkorb mit grünen Pflanzen. Daneben zwei mit Wasser und Sträuchern gefüllte Flaschen.

Natürlich frustriert es, wenn der Zug schon wieder auf offener Strecke stehen bleibt und die Minuten der Verspätung stetig steigen, vor allem wenn man Zeitdruck hat. Aber, das frage ich mich nahezu jeden Tag auf’s Neue, warum muss man dann lautstark rummeckern und andere Fahrgäste, Zugbegleiter oder andere anpöbeln? Es wird an der Situation nichts ändern und die genannten Personen sind höchstwahrscheinlich mindestens genauso wenig begeistert. Eine Verkettung von Zufällen, die zu einem ungünstigen Ergebnis für eine oder mehrere Person führt, ist das, was wir auch Pech nennen. Und oftmals liegt es nicht in unserer Macht etwas daran zu ändern. Was wir aber ändern können, ist wie wir damit umgehen. Keiner erwartet, dass man solche Situationen mit breitem Lächeln und bester Laune meistert. Aber andere dafür anzugreifen, die genauso wenig daran ändern können, ist nicht nur vollkommen irrational, sondern auch Selbstsabotage – der eigene Tag wird dadurch nicht besser und schlimmstenfalls verschlimmert es die Situation nur noch.

Auch wenn ich dieses Verhalten nur mit Kopfschütteln betrachten kann und nervig finde, schockiert es mich aber am meisten, dass Menschen oft genug die vermeintlichen Verursacher ihres Pechs angreifen. Ein Personenschaden im Zug ist tragisch und ich halte es für eine der rücksichtslosesten Arten zu gehen, aber wer – wirklich welche Person mit klarem Verstand – kann denken, dass es irgendwem hilft, wenn man sich lautstark im Abteil darüber beschwert? Damit beweist man in aller Offenheit, dass man schlichtweg ein rücksichtsloses Arschloch ist.

Genauso verhält es sich auch, wenn man – oh Schreck! – im Alltag auf andere Rücksicht nehmen muss. Die Abfahrt dauert schlimmstenfalls eine Minute länger, weil der Fahrer einem Rollstuhlfahrer in den Bus hilft? Für Leute mit Kinderwagen Platz machen? Wenigstens versuchen einer nicht deutsch sprechenden Person auf Englisch oder klar gesprochenem Hochdeutsch zu antworten? Allein im letzten Monat habe ich miterlebt wie Menschen sich wegen solcher Nichtigkeiten in Rage steigern und Personen verbal angreifen. Es ist nicht nur lächerlich, dass sie damit unnötigerweise unhöflich und rücksichtslos sind – nein, die Situation hätte nur einen Bruchteil der Zeit beansprucht, hätte man keinen Stress angefangen.

Oft genug handeln die Menschen dabei nicht nur gegen ihren Verstand (und Menschlichkeit), sondern steigern sich auch in abartige Machtkämpfe hinein. Letztlich weisen die meisten dieser Vorkommnisse ein Machtgefälle auf – zwischen dem König Kunde und dem Untertan Fachkraft, zwischen „benachteiligten“ Personen, die auf die Hilfe anderer angewiesen sind, und denen, die diesen Umstand zur Erniedrigung nutzen. Ist ja auch praktisch, seinen Frust an einer Person auszulassen, die nahezu keine Möglichkeit hat sich wirklich zu wehren. Jeder, der schon mal in irgendeiner Form von Kundenservice gearbeitet hat, weiß, welche perverse Freude so manche Menschen daran haben, einem das Leben schwer zu machen.

Es ist groß geträumt und mit einem einzigen Blogbeitrag wird man nicht die Welt verändern – aber ich erhoffe mir nicht nur von mir selbst, sondern auch von jeder Person, die das liest, von dir, dass man erst einmal kurz in sich geht, bevor man seinem Ärger und Frust ausufern lässt. Ändert es irgendwas, wenn ich meine Wut einfach rauslasse? Kann die Person hier etwas für die unglücklichen Umstände? Kann sie überhaupt etwas daran ändern? Ist das ganze Geschehen hier wirklich so schlimm, wie es mir gerade vorkommt? Habe ich hier überhaupt das Recht, mich in den Vordergrund zu drängen und mich zum Mittelpunkt des Unglücks zu machen?

Ein bisschen Empathie für andere und die Realisierung, dass sich nicht alles um einen selbst dreht, machen letztlich nicht nur den Menschen um einen herum das Leben schwer, sondern gerade einem selbst. Oder, um es einfacher zu sagen: Chill dein Leben.